häufige

Fragen

FAQs

Ist Gebärdensprache eine internationale Sprache und auf der ganzen Welt gleich?

Nein! Gebärdensprachen sind auf natürliche Weise entstanden, überall dort wo es Gehörlosengemeinschaften gab/gibt. Das heißt: Gebärdensprachen sind keine erfundenen Kunst- oder Plansprachen (wie es z.B. Esperanto ist). Aus diesem Grund sind Gebärdensprachen auch nicht weltweit gleich. Es gibt nationale und regionale Varianten, die sich – so wie gesprochene Sprachen und Dialekte – voneinander unterscheiden. Ebenso wie bei den Lautsprachen gibt es auch verwandte Gebärdensprachen, die sich mehr oder weniger ähneln. Die Bezeichnungen für Gebärdensprachen werden meist abgekürzt: Österreichische Gebärdensprache – ÖGS, British Sign Language – BSL, American Sign Language – ASL, Deutsche Gebärdensprache – DGS, usw.

Wäre es nicht praktisch, nur eine einzige Gebärdensprache zu haben?

Ebenso wie es in der hörenden Welt weder erwünscht noch umsetzbar ist, eine einzige Universalsprache zu kreieren, so ist auch in den Gehörlosengemeinschaften eine universelle Standardisierung nicht erwünscht. Versuche, eine internationale Lautsprache (Esperanto) weltweit zu etablieren, haben sich ja auch nicht durchgesetzt. Es wurden zwar internationale Gebärden (Gestuno) entwickelt, es handelt sich dabei aber um keine vollständige Sprache. Als Verkehrssprache dient derzeit – je nach Kontinent verschieden – American Sign Language bzw. International Sign (IS).

Kann man Gebärdensprachen mit erweiterten Pantomimen vergleichen?

Nein! Gebärdensprachen sind natürliche Sprachen, Pantomime eine Kunstform. Gebärdensprachen haben eigene, von Lautsprachen unabhängige sprachliche Strukturen und eine eigene Grammatik. Linguistisch betrachtet stehen sie den Lautsprachen völlig gleichberechtigt gegenüber. Mit Gebärdensprachen lassen sich genauso gut abstrakte Dinge oder Ideen (und z.B. auch Poesie) darstellen wie mit Lautsprachen. Es handelt sich dabei also um keine Vereinfachung der gesprochenen Sprache. Die Grammatik ist wiederum von Gebärdensprache zu Gebärdensprache verschieden.

Wie viele Personen in Österreich sprechen die Österreichische Gebärdensprache?

Man schätzt, dass es in Österreich ca. 20.000 Benutzer:innen der ÖGS gibt. Etwa die Hälfte davon ist gehörlos und für sie ist die Gebärdensprache ganz klar ihre Erstsprache. Hinzu kommen etwa 500.000 hörbeeinträchtige Menschen. Die anderen 10.000 Personen benutzen aus den verschiedensten Gründen ÖGS. Beispielsweise weil sie gehörlose Eltern haben – sogenannte CODAs (Children of Deaf Adult) – oder weil sie als Gebärdensprachdolmetscher:innen oder Sozialarbeiter:innen arbeiten. Die Anzahl der Menschen, die sich auch in Gebärdensprache unterhalten können, nimmt stetig zu, so gibt es ein großes Interesse (sowohl von Erwachsenen als auch Kindern) ÖGS als 2., 3., 4., oder 5. Fremdsprache in Kursen zu erlernen.

Was bringt es mir (oder meinem Kind) eine bilinguale-bimodale Spielgruppe zu besuchen?

  • Familien mit einem Kind mit Hörbehinderung lernen eine Sprache, die von allen Familienmitgliedern verstanden werden kann, lernen miteinander zu kommunizieren, können Kontakt zu anderen Familien knüpfen, profitieren von gehörlosen Trainer:innen als sprachliche Vorbilder und erhalten Wissen über die Gehörlosenkultur und den Umgang mit einem gehörlosen Kind.

  • Gehörlose Kinder erhalten die für sie so notwendige Förderung in Österreichischer Gebärdensprache. Sie lernen andere gehörlose Kinder kennen, sowie erwachsene Rollenvorbilder.

  • CI- und schwerhörige Kinder erlernen ein weiteres Kommunikationsmittel, durch das sie neue Freunde gewinnen, sie dabei gleichzeitig in der Lautsprachentwicklung unterstützt und ihr Selbstbewusstsein stärkt.

  • Hörende Kinder lernen eine neue Fremdsprache und knüpfen erste Kontakte und Freundschaften mit Kindern mit einer Hörbehinderung.
  • Gebärdensprache macht Kommunikation mit ihrem Kleinkind möglich, bevor es noch richtig sprechen kann!

Kann mein Kind einen altersadäquaten Spracherwerb durchleben?

Ja. Spracherwerb passiert mühelos und ungesteuert durch entsprechenden sprachlichen Input von Geburt an – mit der Voraussetzung, dass das Kind Zugang zu einer Sprache bekommt, welche es vollständig wahrnehmen kann. Für Kinder mit Hörbehinderung bedeutet dies zum einen, dass die Hörbehinderung früh erkannt wird und bei Bedarf technische Hilfsmittel verwendet werden. Zum anderen heißt es, dass sie Zugang zu einer visuellen Sprache bekommen. Technische Hilfsmittel bedeuten nämlich nicht automatisch, dass diese Kinder auch genug hören können, um eine gesprochene Sprache über das Ohr aufzunehmen. Eine visuelle Sprache, wie die ÖGS, können sie auf jeden Fall sehen und als Erstsprache erwerben. Dadurch haben sie Zugang zu ihrer Umgebung und der Welt sowie eine fundierte Sprachbasis, mit der sie weitere gesprochene/geschriebene und gebärdete Sprachen lernen können.

Kann mein Kind jemals Deutsch beherrschen?

Ja, das ist möglich. Wichtig ist, dass es einen Spracherwerbsprozess durchlebt, also Zugang zu einer Sprache hat, die es voll aufnehmen kann. Menschen mit Hörbehinderung sind eigentlich von vornherein mehrsprachig, da ihre Sprache ÖGS ist, sie aber in einem Land leben, wo Deutsch von der Mehrheit der Gesellschaft gesprochen und geschrieben wird.

Schließen sich technische Hilfsmittel und ÖGS aus?

Nein. Es gibt unterschiedliche technische Hilfsmittel und Herstellerfirmen. Lassen Sie sich in dieser Frage Zeit. Hörhilfen können im Alltag und Spracherwerb eine Stütze sein. Es sollte jedoch nicht das Kind als neugieriges, lernendes und kommunizierendes Wesen übersehen werden, das die Welt über die Augen wahrnimmt. Das Kind wird später durch seine Mehrsprachigkeit selbst entscheiden, in welcher Sprache es sich ausdrücken und mit anderen kommunizieren möchte.

Ist eine Hörbehinderung nur eine Behinderung?

Nein. Hörbehinderung wird oft rein medizinisch definiert. Diese Sichtweise konzentriert sich nur auf das Ohr und auf die Defizite des Gehörs. Eine Hörbehinderung ist aber mehr als eine Sinnesbehinderung. Menschen mit Hörbehinderung sind Teil einer sprachlichen Minderheit, die durch die gemeinsame Sprache, Kultur und Werte geeint ist. Diese Sichtweise konzentriert sich nicht nur auf die Defizite einer Person mit Hörbehinderung, sondern auf die sozio-kulturellen Aspekte der Gehörlosengemeinschaft.

Die Lebensgeschichten von Menschen mit Hörbehinderung sind so bunt wie die Gesellschaft.  Manche haben ein Studium absolviert, andere eine Lehre, manche haben eine eigene Firma gegründet, sind Dolmetscher:innen, Musiker:innen oder Sozialarbeiter:innen geworden oder in die Politik gegangen. Egal ob mit dem Auto durch die Welt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, mit Ihrer Unterstützung als Eltern wächst Ihr Kind zu einem autonomen Erwachsenen heran.

Skip to content